Giesecke+Devrient in der neuen Alphazirkel Publikation 2020


Giesecke+Devrient. Ein Familienkonzern, der Wurzeln erkennt und Zukunft gestaltet

Verena von Mitschke-Collande (* 1949), geb. Otto ist gemeinsam mit ihren vier Kindern Gesellschafterin des Münchner Gelddruckers Giesecke+Devrient. Die Bezeichnung „Gelddrucker“ wird dem internationalen Familien-Konzern natürlich nicht gerecht, denn das ursprünglich in Leipzig 1852 von Hermann Giesecke (1831–1900) und Alphonse Devrient (1821–1878) als typographisches Kunst-Institut „Giesecke+Devrient“ gegründete Unternehmen versteht sich neben der Herstellung von Banknoten für die EZB und ca. sechzig andere Währungen auf die Produktion von Banknotenbearbeitungsmaschinen, Banknotenpapier, Wertpapieren, Ausweispapieren und Pässen. Das ist aber nicht alles!

Verenas Vater Siegfried Otto (*1914, t 1997), in erster Ehe verheiratet mit Jutta Devrient, der Vollblutunternehmer und Unternehmenspatriarch, der Giesecke+Devrient nach der Enteignung 1947 durch die sowjetische Besatzung in München neu aufgebaut hatte, war einer der Väter des Eurocheque-Systems und der Eurocheque-Karte als europaweites Verfahren für die garantierte Einlösung von Schecks.

Heute ist man freilich bei Giesecke+Devrient auch Anbieter von vielfältigen Lösungen von Bezahlvorgängen, Identitäten, Konnektivität und Daten und somit im Zeitalter der Digitalisierung auch gut gerüstet für die Übertragung und Sicherheit von Zahlungsvorgängen und Daten. Mit Angeboten für IT-Sicherheit und IT-Hochsicherheit zählt das Unternehmen die Bundeswehr, das Auswärtige Amt, sowie nationale und internationale Sicherheitsbehörden und Großkonzerne zu seinen Kunden.

Wer allerdings glaubt, ein weltweiter Gelddrucker sei auf dem absteigenden Ast, der irrt. Nach dem World Cash Report von 2018 nimmt der Bargeldumlauf im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt weltweit nach wie vor zu. Als Global Player ist für den Familienkonzern Bitcoin, E-Payment, und Plastikgeld Treiber von Innovation im Unternehmen und (noch) keine Bedrohung, denn der Bargeldumlauf wächst weiterhin stetig. Ein Konzernumbau und eine Verlagerung der Geldnotenproduktion von München nach Leipzig vor einigen Jahren einschließlich einer knallharten Sanierung bescheren dem Unternehmen inzwischen wieder Gewinne.

Für ein solches Familienunternehmen, das weltweit agiert, und über 2 Mrd. erlöst und mehr als 11.000 Mitarbeiter weltweit, davon fast die Hälfte in Deutschland, beschäftigt, ist die Diskretion der Familie bemerkenswert. In schönen Veröffentlichungen, der Drucktradition des Hauses entsprechend in allerbester Qualität, über die 175-jährige Unternehmensgeschichte wird über Innovation und Werte des Unternehmens ausführlich geschrieben, aber über die Familie hüllt man sich gerne in Schweigen, Interviews mit der Eigentümerin sind rar.

Diskretion und Bescheidenheit fühlt man im Gespräch mit der durchaus resoluten Unternehmerin, die sich als aktive Gesellschafterin versteht, und seit dem Tod des Vaters das Unternehmen immer von familienfremden Geschäftsführern hat führen lassen, „Damit sind wir gut gefahren“, meint sie stolz, denn „wir legen Wert auf die Entwicklung unserer Talente im Unternehmen“. Viele der Geschäftsführer kamen in den letzten 30 Jahren aus dem Unternehmen selbst, auch ihr eigener Mann, Hans-Christoph von Mitschke-Collande, der viele Jahre Arbeitsdirektor im Unternehmen war.

Mit sicherer Hand und klarem Kopf hat Verena von Mitschke-Collande die Geschicke des Unternehmens und der Familie gelenkt, seit ihr Vater in den letzten Jahren seines Lebens Firma und Familie in die Schlagzeilen brachte. Und sie war dafür keineswegs vorgesehen: die beiden jüngeren Brüder Yorck und Tilman waren nach Streit mit dem Vater bereits in den 1990er Jahren aus dem Unternehmen als Geschäftsführer und Gesellschafter ausgeschieden. Eine kurze zweite Ehe von Siegfried Otto mit der von Franz Burda geschiedenen Ehefrau „Bambi“ war für den deutschen Nachkriegswirtschaftsführer ein Fiasko, ein Steuerstrafverfahren folgte, und die Presse spekulierte, ob die Erben Verena Mitschke-Collande und ihre Schwester Claudia Miller, Künstlerin in den USA, das Unternehmen verkaufen oder an die Börse führen würden. Es sollte anders kommen: Verena von Mitschke-Collande hat nichts von dem getan, sondern 2006 sogar noch die Anteile ihrer Schwester übernommen, ebenso so leise und unauffällig wie möglich.

Das Unternehmen ist und bleibt Familienunternehmen, von fremdem Management versiert geführt, mit einer zukunftsfähigen Satzung ausgestattet und begleitet von bescheidenen Gesellschaftern, die sich als Moderatoren und Sparring Partner ihres Management verstehen. „Ich hatte nie das Gefühl, dass wir reich sind“, sagt Verena von Mitschke-Collande mit vornehmer Zurückhaltung, und fügt hinzu: „unser Motto ist Wurzeln erkennen, Zukunft gestalten und Verantwortung übernehmen.“

Auf dieser Basis stehen der bedeutende Familienkonzern und die Familienstiftung, die sich um Ausbildungs-und Förderprojekte für junge Menschen aus der ganzen Welt kümmert. Giesecke+Devrient, ein eindrucksvolles Beispiel von guter Governance und wahrem Entrepreneurship.

Die Geschichte von Giesecke+Devrient is eine der rund 20 Monographien, die Andreas E. Mach in seinem Buch „Die Macht der Familie“ 2020 herausgeben wird.

Foto vom Stammhaus, Copyright: Historisches Archiv Giescke+Devrient, München

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
* Pflichtfelder

Top