DIERIG AG : Ein Spiegel deutscher Geschichte – immer unter Führung der Familie


Die Geschichte von DIERIG ist nur eines von 20 Beispielen von erfolgreichen Familienunternehmen, die ALPHAZIRKEL-Gründer Andreas E. Mach in seinem neuen Buch „Die Macht der Familie“ (2020) erzählt …

Die Geschichte des Textilunternehmens DIERIG geht zurück auf die Gründung im schlesischen Langenbielau im Jahr 1805 (siehe Bild). Eigene Webstühle wurden 1830 in Betrieb genommen, wobei bis ins späte 19. Jahrhundert die meisten Gewebe von Handwebern in Heimarbeit hergestellt wurden. Eine der Spezialitäten waren Jacquard-Stoffe. 1844 wurden die Langenbielauer DIERIG-Fabriken zum Schauplatz des Schlesischen Weberaufstands, bei dem preußisches Militär auf die demonstrierenden Weber geschossen hatte. Dabei kamen zehn Männer und eine Frau zu Tode, woraufhin eine aufgebrachte Menge die Fabriken stürmte, Webstühle zerschlug und die Lager plünderte. Das Unternehmen hat auch Literaturgeschichte geschrieben. In Gerhard Hauptmanns Drama „Die Weber“ wird die Firma DIERIG zu „Dittrich“ chiffriert.

Nach dem Tod Christian Gottlob Dierigs im Jahr 1848 übernahm sein Sohn Friedrich Dierig sen. (1818–1894) die Leitung der Geschäfte. Er und sein Sohn Friedrich Dierig jun. (1845–1931) vergrößerten den Anteil industriell gefertigter Ware. Zur Weberei kamen auch Stoffdruckereien und Spinnereien hinzu. 1918 erwarb DIERIG in Augsburg die kriegsbedingt stillgelegte Mechanische Weberei am Mühlbach in Augsburg, die mit 771 Jacquard-Webstühlen zu den größten Jacquard-Webereien Deutschlands zählte.

Mit dieser Akquisition begann die Expansion des schlesischen Familienunternehmens nach Westdeutschland, eine Strategie, die dem traditionsreichen Familienunternehmen später das Überleben sicherte. Wie man einer der zahlreichen, anspruchsvoll vom bibliophilen Unternehmenschef gestalteten Firmenchroniken entnehmen kann, kommen DIERIG Stoffe seit über 100 Jahren bereits auch aus Augsburg („1918 – 2018: Stoff für Augsburg, Dierig an Lech und Wertach“).

Die prägenden Gestalten der vierten Generation waren die Brüder Wolfgang (1879–1945) und Gottfried Dierig (1889–1945), die sich mit ihren Ehefrauen in Langenbielau das Leben nahmen als die russische Armee einmarschierte. Unter ihrer Leitung ging das Unternehmen DIERIG 1928 an die Börse und übernahm 1930 den Hammersen-Konzern mit Textilfabriken im Münsterland sowie in Augsburg und in Kempten im Allgäu. 1930 erwarb man die die Augsburger Baumwollspinnerei am Stadtbach und wurde so mit rund 15.300 Beschäftigten in 19 Werken vor dem Zweiten Weltkrieg das größte Baumwollunternehmen Kontinentaleuropas. 1938 war DIERIG größer als die Deutsche Bank oder BMW.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Verlust der schlesischen und ostdeutschen Werke baute Christian Gottfried Dierig, der jüngste und einzige überlebende Sohn, die Betriebe in Westdeutschland aus und so zählte DIERIG schon Mitte der 50er Jahre wieder zu den führenden Textilherstellern Deutschlands. Der Krise der deutschen Textilindustrie konnte sich DIERIG jedoch nicht entziehen und so entschloss man sich Mitte der 90er Jahre und mit dem Generationswechsel zu Christian Dierig, dem heutigen CEO des Unternehmens, zum Verkauf der Maschinen, aus deren Erlös die Dierigs auch einen Sozialplan für 3.000 Mitarbeiter finanzierten. Ab dem Ende der 90er Jahre setzte DIERIG auf Heimtextilien und Bettwäsche sowie auf die Entwicklung der freigewordenen eigenen Industrieimmobilien. Seit dem Jahr 2006 kauft der DIERIG-Konzern auch Immobilien im Großraum Augsburg und entwickelt diese. Die Liegenschaften umfassen heute rund 520.000 Quadratmeter Grundstücks- und 160.000 Quadratmeter Gebäudeflächen an den Standorten Augsburg und Kempten.

Ein Teil der Immobilien am Hauptstandort ist an die Arbeiterwohlfahrt in Augsburg vermietet, die dort das Seniorenzentrum Christian-Dierig-Haus betreibt. Unter anderem erwarb DIERIG 2006 und 2012 auch Teile des ehemaligen kommunalen Schlacht und Viehhofs und wandelte das Gelände mit Jugendstil Backstein-Architektur zu einer Gastronomie-, Lebensmittel- und Freizeitmeile um. Vor den Toren Augsburgs entwickelte DIERIG 2012-2015 ein Industrieareal, das an den internationalen Automobilzulieferer Faurecia vermietet ist.

Der Standort Bocholt mit ursprünglich 100.000 Quadratmetern Grundfläche wurde zwischen den Jahren 1998 und 2008 entwickelt und verkauft. Gleiches gilt für den Standort Rheine mit rund 30.000 Quadratmetern. Seither konzentriert sich DIERIG auf den Standort Augsburg.

Im Geschäftsjahr 2018 erwirtschaftete der DIERIG-Konzern einen Umsatz von 59,8 Millionen Euro. Davon entfielen 48,0 Millionen Euro auf den Bereich Textil und 11,8 Millionen Euro auf den Bereich Immobilien.Das Familienunternehmen ist bis heute börsennotiert, größter Anteilseigner ist die Textil-Treuhand GmbH, die eine Mehrheitsbeteiligung von 70,13 Prozent an der DIERIG Holding AG hält.In der Textil-Treuhand GmbH bündeln die über 100 Mitglieder der Familie Dierig ihre Anteile. Der Rest der Aktien ist im Streubesitz.

Heute wird der Konzern von einem reinen Familien-Vorstand geführt. Christian Dierig (62) an der Spitze des Vorstands und die Nachfolgegeneration Ellen Dinges-Dierig (42) und Benjamin Dierig (39) führen nun in siebter Generation das traditionsreiche Unternehmen, das in seiner langen Geschichte auch ein Spiegelbild der Industrialisierung und Kriege des 20. Jahrhunderts ist.

Es ist bemerkenswert, wie in jeder Generation herausragende Unternehmerpersönlichkeiten aus der Familie das Unternehmen durch existenzbedrohende Herausforderungen geleitet und immer wieder an die neuen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen anpassen konnte. Ellen Dinges-Dierig sagt das von Generationen Geschaffene muss weitergehen, „DIERIG ist nicht nur das Familienunternehmen der Familie Dierig, sondern auch das Familienunternehmen für Generationen von Mitarbeitern. Das ist einfach toll, das ist pure Emotion!“. Sie will sich stark machen dafür, dass die beiden Standbeine Textil und Immobilien gleichberechtigt nebeneinander sicher in die Zukunft geführt werden. Und der für die Immobilien zuständige Vorstand Benjamin Dierig, ein Architekt, will das Immobilienportfolio ausbauen und „bauliche Potentiale wachküssen“, wie er sagt und bekennt sich zu seiner Heimatstadt Augsburg mit den Worten: „da geht noch was“. „Zurück in die Zukunft“ ist der Leitspruch der jungen DIERIG-Generation.

(Bild: Langenbielau Hauptwerk, Quelle: Dierig AG)

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