Der Mittelbayerische Verlag in der neuen Publikation von Andreas E. Mach: „Die Macht der Familie“ (2020)


Die deutsche Regionalzeitung und ihre Verleger – ein Nachmittag mit Peter Esser, Verleger und Herausgeber der Mittelbayerischen Zeitung in Regensburg

Von Andreas E. Mach, Gründer und Sprecher des ALPHAZIRKEL Das Forum für Familienunternehmer

Sitzt man einem Verleger gegenüber, so empfindet der Gesprächspartner immer ein anderes Gefühl als im Gegenüber mit einem Familienunternehmer aus einer anderen Branche. Das hat wohl damit zu tun, dass wir vor dem Medium Zeitung oder Buch Respekt haben – immer noch? Zeitungen gehören einem oder mehreren Verleger(n), der oder die häufig auch der oder die Herausgeber ist/sind. Ein Herausgeber, so die Definition, ist eine „Person oder Personengruppe, die schriftstellerische, publizistische oder wissenschaftliche Texte oder Werke von Autoren zur Publikation vorbereitet“. Peter Esser ist beides, und als solches mit seinem Bruder Thomas auch Eigentümer der Mittelbayerischen Zeitung, ein Unternehmen des Esser’schen Familienunternehmens Mittelbayerischer Verlag KG in Regensburg.

Das Medium Zeitung ist ein etwas anderes Produkt.

Die Tageszeitung, Grundlage unserer Demokratie, als Regionalzeitung Sprachrohr der Heimat der Menschen, flößt Respekt ein, auch wenn sie seit Jahren vom Wandel der Mediennutzung und der Digitalisierung herausgefordert ist.

Die “Lizenz No. 5“ der amerikanischen Siegermacht für den Sozialdemokraten Karl Friedrich Esser, dem Großvater von Peter und Thomas Esser, war 1945 der Start der Zeitung. Die Amerikaner hatten, so Peter Esser, seinem Großvater, der als aktiver Sozialdemokrat im KZ Dachau von den Nazis eingesperrt und misshandelt worden war, angeboten entweder der erste Regierungspräsident der Oberpfalz oder der Herausgeber der Mittelbayerischen Zeitung zu sein. Er wollte lieber eine Zeitung, was eine gute Entscheidung war.

In den 70er Jahren übernahm die Familie Esser auch den konkurrierenden „Tages Anzeiger“. Erst in den folgenden Jahren entwickelte sich auch die Atmosphäre eines Familienunternehmens, „in dem man es mit den Menschen ehrlich meint und diese das auch spüren“.

Überall in Deutschland schufen die Siegermächte durch das Verbot der bestehenden Zeitungen die Grundlage für den Neuaufbau des Pressewesens. Die Westalliierten gingen davon aus, dass die vom Nationalsozialismus verführten Massen durch unabhängige, freie Zeitungen über die NS Verbrechen und die Kriegsschuld aufgeklärt werden sollten.

In Regensburg und der Oberpfalz vom „roten Esser“. Bis 1948 wurden 56 Zeitungen mit 112 Nebenausgaben in Deutschland lizenziert. Die konsequente „Entnazifizierung“ der deutschen Bevölkerung über ein freies und unabhängiges, demokratisches Pressewesen hatte jedoch in der jungen Bundesrepublik bald ein Ende. Denn ab 1949 konnte jeder eine Zeitung gründen oder wiederbegründen, was dann vor allem die sogenannten „Altverleger“ auch taten und es zu einem Wettbewerb der „lizensierten“ Zeitungen und den Neugründungen der „Altverleger“ kam.

Wenn Peter Esser über die Familien- und Zeitungsgeschichte spricht, dann hört man die Geschichte von großen unternehmerischen Herausforderungen. „In jedem Jahrzehnt unseres Bestehens gab es eine existenzbedrohende Herausforderung. Eine der größten war wohl die Übernahme des Regensburger Tagesanzeigers aus dem Konkurs“.

Mit einer Auflage von über 100.000 Exemplaren ist die Mittelbayerische Zeitung eine der mittelgroßen Regionalzeitungen Deutschlands. Betritt man den „newsroom“ (siehe Foto) im 2013 bezogenen neuen Verlagsgebäude an der Donau in Regensburg, fühlt man sich wie bei einem Branchenriesen. „Auf die Größe kommt es da aber nicht an, sondern auf die Funktionalität und die Attraktivität des Arbeitsplatzes“, meint Verleger und Herausgeber Peter Esser, und eben darauf, „dass man eine tagesaktuelle Zeitung mit ihren digitalen Derivaten herstellen kann, die die Menschen in der Region erreicht. Wir sind ein Massenmedium und für alle da, in der ganzen Vielfalt der Gesellschaft“.

Die Medienlandschaft in Deutschland und anderswo befindet sich mitten in einem drastischen Umbruch. „Wie die Migration vom Zeitungsverlag zum Medienhaus in der digitalen Welt wirklich aussehen wird, weiß im Moment keiner“, sagt auch Peter Esser.

„60% unserer Kosten sind Personalkosten und davon sind 60 % Logistikkosten. Da besteht durchaus noch Optimierungsbedarf, aber nicht zu Lasten der journalistischen Qualität. Ganz im Gegenteil, die digitalen Formate fordern uns geradezu heraus, aus dem Leben der Menschen in unserem Verbreitungsgebiet noch detaillierter, noch interaktiver, noch zeitnaher zu berichten. Heute schon sind die sogenannten ‚Plus Inhalte’ bei der Mittelbayerischen ein mehrschichtiges Angebot mit Text, Bildern, Videos, Querverweisen, Information und Unterhaltung. Der Leser und Nutzer klickt sich durch seine Welt. Wir bleiben innovativ, das hat uns immer geholfen, auch wenn die damit verbundenen Investitionen oft an die Grenze des Machbaren gegangen sind, nutzen die Restrukturierungspotenziale im Unternehmen, aber mit Augenmaß und Verantwortung, für die Menschen, die unser Unternehmen ausmachen, für unsere Leser und Nutzer, und unsere Region, aus der und für die wir berichten“, sagt der sympathische Verleger. Er gibt aber auch zu, dass es Anfang 2000 ohne Arbeitsplatzabbau auch nicht gegangen wäre.

„Ob meine vier Kinder das Unternehmen mal führen werden und wie das Unternehmen dann aussieht, kann man heute noch nicht sagen. Auf jeden Fall sind die Voraussetzungen in alle Richtungen geschaffen. Wir haben es als Familie in den letzten zehn Jahren gelernt, das Unternehmen auch von einem familienfremden Management führen zu lassen, und nur punktuell einzugreifen. Vielleicht ist das auch ein Modell für die nächste Generation“. Da weicht Peter Esser von seinem Wertekanon etwas ab, denn er sagt, er möchte offen konkret und direkt sein, das fällt einem aber eben schwer, wenn man nicht weiß, in welche Richtung sich die gesamte Branche entwickelt.

So kann man dem Mittelbayerischen Verlag nur wünschen, dass er auch weiter das Ohr am Leser und Nutzer hat und diesem journalistische Inhalte, Hintergrund und Orientierung liefern kann, egal ob es in einem gedruckten Medium ist oder digital. Eines ist aber sicher: das Abonnement als wirtschaftliche Grundlage aller Regionalzeitungen wird teurer werden. Das betreffe alle.

Die Angst vor einem in Kürze bevorstehenden Zeitungssterben, die gerne zitiert wird, hat Peter Esser nicht.

„Zeitungen haben eine hohe Kompetenz und das Alleinstellungsmerkmal, die sich verändernde Welt, sinnvoll zu erklären. Diesen Glaubwürdigkeitskredit haben sie nicht nur bei Erwachsenen, sondern vor allem auch bei den Jungen“, sagt einer der führenden deutschen Zukunftsforscher, Dr. Eike Wenzel. Er ist sich sicher, „die digitale Zeitung wird reüssieren“.

Gute Aussichten also für Peter Esser und sein Familienunternehmen.

Die Geschichte des Mittelbayerischen Verlags ist nur eines von 20 Beispielen von erfolgreichen Familienunternehmen, die ALPHAZIRKEL-Gründer Andreas E. Mach in seinem neuen Buch „Die Macht der Familie“ (2020) erzählt.

Foto: „newsroom“ im 2013 bezogenen neuen Verlagsgebäude an der Donau in Regensburg (Quelle: Mittelbayerischer Verlag).

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